Ein wenig große Erinnerungskultur und spannende Urlaubslektüre

Als jüngst der feinsinnige Journalist Nils Minkmar in seinem Newsletter „Der siebte Tag” das im Herder-Verlag erschienene Buch „63 Orte der deutsch-französischen Geschichte. Von 1870 bis heute” besprach, mussten wir aufhorchen: Das ist ein Fall für unsere Bücherseite, die in den drei Gemeinden des Gleiberger Landes erscheint – die alle seit mehr als 50 Jahren Partnerschaften mit Gemeinden jenseits des Rheins pflegen. Sarrians, Gémenos und Sorgues, im prallen Süden gelegen, sind ihre Herzensorte der deutsch-französischen Geschichte.

Herausgeber des 330-seitigen Taschenbuches (23 Euro) sind Tobias Bütow, Ulrich Pfeil und Corine Defrance; echte Kenner der Materie, die um die Bedeutung einer profunden Erinnerungskultur wissen: „Was unser heutiges Gedächtnis prägt, ist von wegweisender Bedeutung für die Zukunft der Demokratie in Deutschland, in Frankreich – und Europa.” Ihnen geht es darum, Wege des Dialoges und der Verständigung zu zeigen – Wege, auf denen europäische Geschichte weitergeschrieben werde.

Das Buch, dessen Titel auf das Jahr der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages verweist, ist kein erschlagender Wälzer, sondern vielmehr ein erzählendes Werk. So anregend, dass es auch als Reiseführer taugt. Für Minkmar ist es „ein essentielles Buch, das vor jede Schulklasse (…) gehört!” Aber auch in jede gut sortierte Privatbibliothek – ohne Wenn und Aber.

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Bleiben wir – ganz im Sinne der Passion des Bücherseite-Autors – bei den westlichen Nachbarn. Martin Walker, der 79-jährige britische Altmeister für spannende, im Périgord angesiedelte Kriminalliteratur, hat jüngst „Bredouille” vorgelegt, den mittlerweile 18. Fall für Dorfpolizist Bruno Courrèges (Verlag Diogenes, Hardcover, 371 S., 26 Euro). Einmal mehr ist das Geschehen im fiktiven Örtchen Saint-Denis im Tal der Vézère angesiedelt, einem Nebenfluss der Dordogne, zudem im schmucken Städtchen Sarlat-la-Canéda. Zu ermitteln ist das ursächlich nicht ganz eindeutige Ableben einer jungen Frau, die mitten im Leben gestanden hatte. Walker hat vorgebaut: Abseits des polizeilichen Tuns eröffnen sich dramaturgische Side-kicks, denn Bruno ist auch Gourmet, Gärtner, Reiter, Hundehalter (Basset), Sporttrainer (Tennis und Rugby) – und begehrtester Junggeselle der ganzen Gegend. Sehr unterhaltsam.

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Bestseller-Krimi-Autor Alexander Oetker, der jüngst – siehe Foto – zum zweiten Male auf Burg Gleiberg zu Gast war, hat sich zu Monatsbeginn ein neues Handlungsfeld aufgetan: „Léon und die Frau im blauen Kleid” (Verlag Hoffmann und Campe / Atlantis, Taschenbuch, 302 S., 18 Euro) spielt in den vermeintlich besseren Kreisen an der Côte d’Azur; zwischen Valbonne und Menton, mit Nizza und Antibes als den Epizentren des Bösen. Die Protagonisten Léon de Cavallier und Nadia Bentaleb sind ein wenig überzeichnet, das erhöht den Reiz, die Spannung. Der von Oetker gewählte Ton erinnert ältere Semester womöglich an die Arbeit von Synchronregisseur und Dialogbuchautor Rainer Brandt, der in den frühen 1970ern der TV-Serie „Die 2″ mit Roger Moore und Toni Curtis einen ganz neuen Schwung verlieh.

Oetker-Fans dürfen sich auf das neue Abenteuer einlassen, das in seiner mitreißenden Dynamik sehr an „Zara und Zoë” erinnert, des Autors Marseille-Trilogie. Daneben bleibt Oetkers Bordeaux-Ermittler Luc Verlain im Dienst; von ihm gibt es im September unter dem Titel „Silberküste” den elften Fall.


Die Einband-Abbildungen der heute vorgestellten Bücher und ein Blick in den Gleiberger Rittersaal, wo unlängst Bestseller-Autor Alexander Oetker unter anderem seinen Krimi „Léon und die Frau im blauen Kleid” vorstellte.

(Foto: Klaus Waldschmidt, Scans: No. Schmidt)

Wir verweilen in der Gegend, reduzieren indes die Drehzahl, wechseln das Genre: „Der Garten im Licht” von Elena Eden ist ein an der französischen Riviera spielender (Garten- und Liebes-)Roman (Verlag Tolino Media, Taschenbuch, 312 S., 13,99 Euro). Zum Inhalt: Ein Arbeitsauftrag führt die Gartenfotografin Alina Rosen nach Südfrankreich. In den exotischen Gärten der Zitronen-Stadt Menton entdeckt sie eine Spur ihres wirklichen Großvaters, Antoine de Montagne. Erst der Nachlass ihrer in den späten 1920er geborenen Großmutter Helena hatte diese Überraschung preisgegeben. Wer war dieser Mann? Weswegen hatte er sich nie gemeldet? Warum ließ er Helena im Stich? Neben den Antworten auf diese und weitere Fragen darf sich der Leser auf eine Einladung in etliche der in der Tat bezaubernden (Kultur-)Gärten dieses Küstenstreifens freuen. Kunstunterricht gibt es anbei auch: Wir begegnen mehreren Werken des Malers Claude Monet. 

Man möchte in den nächsten TGV steigen und in den Süden reisen – mit Edens Buch im Gepäck. 

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Das Finale für heute führt uns nach Italien: Nach „Ciao, Amore ciao” und „Azzurro” nimmt uns der vor Jahresfrist in Gießen gastierende Erfolgsautor Eric Pfeil mit auf eine Sommerreise durch ein anderes Italien, ins „Hotel Celentano” (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Taschenbuch, 314 S., 17 Euro). Wo drehten die großen Stars ihre Filme? Wo machte Marcello Mastroiani Urlaub? In welchem Club gab „Heißer Sand”-Mina ihr Abschiedskonzert? Und wie schaut’s dort heute aus? Das Buch ist, so sagt es der Verlag, so unterzeichnen wir es nach der Lektüre, „das hochkomische Protokoll eines Schwärmers, der nach Grandezza sucht und oft den Sonnenbrand findet”.

Einmal rund um den Stiefel – nur ganz anders. Anregend, lehrreich und selbstredend unterhaltsam.

Norbert Schmidt


… erlesen von Norbert Schmidt aus Krofdorf-Gleiberg, ehemals Redakteur der Gießener Allgemeinen Zeitung

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