
Christian Wustrau (links) und Fogel F, aka Constantin Pukownick weckten mit ihren Liedern eine vielschichtige Gefühlswelt
(Foto: Privat)
(vm).In der Kulturkirche „Luft nach oben” in Wißmar hatte der Veranstalter mit einem bemerkenswerter Konzert in St. Raphael einmal mehr ins Schwarze getroffen. Die beiden Liedermacher, Fogel F aus Gießen und Christian Wustrau aus Marburg waren ein Gewinn und Ursache für ein restlos zufriedenes Publikum. Auf bemerkenswerte Weise wurde schnell deutlich, das klangvolle Poesie, fein verpackte Selbstironie, kritische Zeitdiagnosen aber auch hintergründig-humorvolle Texte sich keineswegs ausschließen müssen, sondern vielmehr durch Interaktion für Spannung und Kurzweil sorgen. Lieder mit Tiefgang und nachdenkenswerten Botschaften wurden zu einer bereichernden Synthese, die den Raum des Gotteshauses mit vielschichtigen, klangvollen Sinfonien füllten. Die Bänke gut gefüllt und die Begeisterung der Gäste Beweis dafür, dass das Genre des Liedermachers sein Ziel nicht verfehlt und vor allen immer wieder Raum für Flexibilität dafür schafft, stets auf der Höhe der Zeit sein zu können, um aktuelle Themen in Noten und Musik umzusetzen und den Finger so auf besondere Weise in die Wunden zu legen. Neben den eigenen Programmen brachten die beiden Künstler ihre Freude an der Musik auch in gemeinsamen Stücken auf die Bühne, wie beispielsweise „Der Lauf der Dinge”. Fogel F, aka Constantin Pukownick, zeigte sich als vielseitiger Virtuose, versiert im Spiel gleich mehrerer Instrumente. Sein sicherer Umgang mit Gitarre, Akkordeon und Trompete, im Einklang mit seinem kräftigen Bariton, überzeugte die Besucher. Mit seinen Liedern legte er traumwandlerisch sicher den Fokus auf Schieflagen in der Politik, etwa mit dem Stück „Mama und Papa”, das sich inhaltlich den Folgen von Migrationspolitik und Abschiebepraktiken widmet. Individuelle Betrachtungen auch mit dem ungetrübten Blick auf Alltägliches, beispielsweise das humoristische Stück, „Wurst”, die in diesem Fall nicht zwei Enden hatte, sondern den leidvollen Weg zum Veganismus beschrieb. Mit Augenzwinkern und ohne falschen Pathos sorgte er auf den Gesichtern der Zuhörer wechselte Mimik zwischen Schmunzeln und Nachdenklichkeit. „Der Wind geht allzeit über das Land” – Christian Wustrau bediente sich hier des bekannten Liedermachers, Reinhard Mey, der diesen Antikriegssongtext vor rund 40 Jahren sang. Musikpoesie nennt der Marburger Liedermacher gerne als Begriff, um seine Songs zu charakterisieren. Treffend, wie unzweifelhaft sein Auftritt, vermittelte. Das moderne Leben, schnelllebig und oberflächlich und damit anfällig für Untiefen, die die Gäste emotional erleben durften, auf dieser besonderen Reise. Worte und Klänge, auch und besonders durch das einfühlsame Klavierspiel untermalt, sind Christian Wustrau eigen. Damit schuf er emotionale Momente um mit lyrische Kompression, durchsetzt mit filigraner Symbiose, in den Köpfen Bilder entstehen zu lassen. Die besondere Nähe zwischen Künstlern und Publikum entstand auch durch die humorvolle Moderation und das Zulassen von Einblicken in ihre Privatsphäre. Als das vermeintlich letzte Lied des Programms überraschend in eine Improvisation über Radioheads Hit „Creep” mündete, war das für manchen ein emotionaler Höhepunkt des Abends. Zum endgültigen Schluss kam Rio Reiser zu Wort, „”Wann, wenn nicht jetzt”. Ein Abend zum Lauschen, Nachdenken, Mitfühlen und Lächeln – in der besonderen Atmosphäre der Kirche. Am Ende des knapp zweistündigen Programms, das die hohe Qualität der regionalen Kleinkunst auf beeindruckende Weise deutlich machte, bedankte sich Gastgeber Edwin Borg von „Luft nach oben” und die rund 60 Zuhörer in der stimmungsvollen Atmosphäre der Kirche mit langanhaltendem Applaus bei den beiden Protagonisten, die nicht ohne eine Zugabe entlassen wurden.


