
Zeitzeugen Rolf Henrich und Erich Leib (v.l.) – als die Amerikaner kamen, moderiert von Klaus Pradella.
(Foto: Volker Mattern)
(vm).“Nie wieder ist jetzt” – meint entschlossenes Handeln, um Gräueltaten, wie sie das menschenverachtende NS-Regime zu verantworten hat, mit all ihren Folgen von Krieg, Flucht, Vertreibung, Tod und vor allem dem Holocaust, zu verhindern. Es war still in der Aula und aufmerksam hörten sie zu, die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe der 10. Klasse der GGL (Gesamtschule Gleiberger Land). Auf Bestreben der Heuchelheimer Kulturinitiative „K(L)EINE Kunst”, fand hier für insgesamt rund 100 Jugendliche an zwei unterschiedlichen Tagen eine besondere Form von Geschichtsunterricht statt. Das Thema: „Als die Amerikaner zu uns kamen” – das hatte keiner von ihnen miterlebt, aber, wie bei der ersten Veranstaltung, der 96jährige Erich Leib aus Krofdorf-Gleiberg und der 90jährige Rolf Henrich aus Wißmar. Ihre zusammen fast 190 Jahre an Lebenserfahrung umfasst auch den Zeitabschnitt zum Ende des 2. Weltkrieges, als die Amerikaner auch in das Gleibeger Land einmarschierten und die Region zur Frontlinie wurde. Ein kurzer Filmausschnitt zeigte einige dieser Szenen. Klaus Pradella moderierte die Veranstaltung und erinnerte an die Wortprägung „Befreiung”, aus der berühmten Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Richard v. Weizäcker vor 40 Jahren, mit der er die Befreiung von der Nazidiktatur, die bereits 1933 mit der Machtergreifung begann, meinte. Die Erlebnisse und Erinnerungen der beiden Zeitzeugen unterschieden sich in bestimmten Teilen alleine schon durch den Altersunterschied. Wie Erich Leib berichtete, wurde er als damals 15jähriger im März 1946, also nur wenige Tage vor der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai, in ein Wehrertüchtigungslager Nähe Wetzlar einberufen und sollte dort mit anderen Jungs der HJ (Hitlerjugend), in vormilitärischer Ausbildung mit Waffen versorgt zum letzten Kampfaufgebot, gehören, obwohl die Aussicht für das kriegstreiberische Deutschland auf einen Sieg schon längst vollkommen aussichtslos war. Abends habe es Alarm gegeben und einige der Buben seien von ihren Vätern mit Fahrrädern und Mopeds aus dem Lager befreit und nachhause geholt worden. Er selbst konnte flüchten. Das Lager wurde gewaltsam aufgelöst. Auch ging für ihn die Einberufung zum Westwalleinsatz mit weiteren 1200 Mann ins Saargebiet gut aus. Wir waren in Reichweite des Artilleriebeschusses und wurden zurückverlegt in die Eifel. 6 Wochen lang nicht geduscht, wie er beiläufig erwähnte. Sein Standort war in der Nähe der Abschussrampen der V1-Rakete und hier mussten wir höllisch aufpassen, dass wir nicht durch die Ungenauigkeit von Flug- und Zieleinrichtungen dieser Waffe selber zu Opfern wurden. Die Vorstellungskraft der Schüler dürfte ausgereicht haben, diese Erlebnisse nachzuvollziehen, sind sie doch alle im gleichen Alter wie Erich Leib damals. Den Einmarsch der „Amis” in ihre Heimatdörfer konnten weder er noch Rolf Henrich, als seinerzeit 10jähriger, nicht unbedingt mit einem Gefühl von Befreiung und Kriegsende verbinden. Beide bestätigen, wir kannten nur diese Nazi-Zeit , wurden groß mit dem Hitler-Gruß, mit Organisationen wie Jungvolk, HJ und BdM (Bund deutscher Mädel) mit Propaganda jeglicher Art und hatten keine Vorstellung, wie der Einzug der Amerikaner zu werten war. Es habe eher eine bedrückende Stimmung geherrscht. In Wißmar, so die Erinnerungen von Rolf Henrich, gab es Unverbesserlichen, die meinten, sie müssten sich noch zur Wehr setzten,während anderswo die weißen Bettlagen und Handtücher als Zeichen der Kapitulation aus den Fenster hingen. Er erinnert sich an einen der Bauernhöfe, auf denen französische Kriegsgefangene arbeiteten und dort schoss ein deutscher Leutnant aus dem Kellerfenster auf die heranrückenden Panzer. Die Amis hätten sich dann von Krofdorf Kommend, auf den Grubenberg zurückgezogen und Wißmar unter Beschuss genommen. Vor allem Zivilisten kamen zu Tode. Ein Geschoss habe das Dach des Elternhauses in der Pestalozzistraße getroffen. Mit seinem 80jährigen Großvater ist Rolf Henrich von dort zur Schulstraße gelaufen, um den Einmarsch der Amerikaner zu sehen. Da habe ich zum ersten Mal einen farbigen, dunkelhäutigen Menschen gesehen. Das alles spielte sich in Wißmar am Gründonnerstag vor Ostern ab. Mein Elternhaus war eines der wenigen, die mit Bad und Heizung ausgestattet waren und so wurde es von höheren Dienstgraden der Amerikaner aus der Versorgungskompanie beschlagnahmt. „Wir mussten alle bei Nachbarn unterkommen”, berichtete Rolf Henrich. Und dann war da noch das Erlebnis mit dem geschenkten Ostereiern für ihn und seine Schwester von einem amerikanischen Soldaten. Im Unterricht hatten die Schüler Fragen vorbereitet, die auch die Verschleppung von Juden und dem Mord an behinderten Menschen (Euthanasie) zum Inhalt hatten. Die Vorkommnisse, was mit den Juden passierte, war uns nicht bekannt und in unseren Familien und im Dorf wurde darüber auch nicht gesprochen. Erich Leib wusste von einem behinderten Jungen, den man 1942 nach Hadamar verschleppt hatte und dessen Vater dort auf eigene Faust nach seinem Verbleib recherchiert habe und mit seinem toten Jungen wieder nach Krofdorf zurückgekehrt sei. Ähnlich ein Fall in Wißmar, von dem Rolf Henrich wusste und dieser behinderte Junge sei von Hadamar wieder nach Wißmar zurückgekehrt und habe dort bis lange nach dem Krieg ein Kiosk betrieben. Die Frage aus Schülerkreisen kam an die beiden, wie sie zur Wehrpflicht stünden. Erich Leib lehnt sie ab, sprach von Schaukelpolitik bei diesem Thema, das nur Verunsicherung auslöse. Pflicht sei nichts falsches, sagte Rolf Henrich. Man könne seinem Land auch Dienste auf andere Art erweisen, die aber, egal in welcher Form, verpflichtend sein müssten. Pflicht bedeute Verantwortung, die man zur Stärkung der Persönlichkeit auch jungen Menschen zumuten müsse. Zum Schluss die Antwort auf die entsprechende Frage, wie angesichts der Weltlage kriegerische Konflikte verhindert werden könnten, riefen die beiden Senioren den Schülern zu, wachsam zu sein, viele Reisen in andere Länder unternehmen und auch durch die Schüleraustausche werde der Horizont erweitert und die globale Sicht schaffe die Voraussetzungen für Tolerieren und Freundschaft. Ein weiterer Zeitzeuge im 2. Block dieser Veranstaltung war noch Werner Kröck aus Heuchelheim als Zeitzeuge mit dabei. Schulleiter, Gabriel Verhoff dankte den Protagonisten für ihre einfühlsamen und beeindruckenden Schilderungen.









