Irankrieg aus persönlicher Perspektive – deutsch-iranische Aktivistin mit interaktivem Vortrag berührte in katholischer Kirche St. Raphael, Wißmar

Daniela Sepehri „Aufbegehren für Freiheit – der Iran in Bewegung”

(Foto: Volker Mattern)

(vm).Die Kirche – Raum für Trost, Schutz und Hoffnung. All diese Gefühle – auch Angst und Unsicherheit – hatten Platz in der katholischen Kirche St. Raphael in Wißmar. Besonders spürbar wurden sie bei Daniela Sepehri. Die Kirche, die bislang mit vielen Veranstaltung auch der Kultur, dem Diskutieren und Debattieren Platz bietet, hatte als Kulturkirche mit ihrem erfolgreichen Projekt „Luft nach oben” (www.ogy.de/Luftnachoben), gemeinsam mit der katholischen Erwachsenenbildung Limburg und Wetzlar, zu einem interaktiven Vortrag mit der deutsch-iranischen Aktivistin eingeladen. Spannender und aktueller hätten die fast zwei Stunden nicht sein können. Die deutsch-iranische Aktivistin, Publizistin und politische Kommentatorin analysiert seit Jahren die Entwicklung im Iran. Sie schreibt unter anderem für den „Spiegel” und die „taz”, ihre Worte erreichen die Menschen hierzulande in TV und Hörfunk, auf Instagram hat sie weit über einhunderttausend Follower und vor wenigen Tagen war sie auch wieder im Fernsehen bei „hart aber fair” zu sehen und zu hören. Nun saß sie vor knapp 100 Gästen, die durch diese Veranstaltung einen anderen Blick auf den Iran und die Geschehnisse dort bekamen und Dinge etwas besser einordnen konnten. Ihr Handy hatte Daniela Sepehri vor sich auf dem Tisch liegen. Falls es klingeln sollte, werde sie dran gehen, denn seit Tagen, mit Ausbruch des Krieges, habe sie keinen Kontakt mehr zu Freunden und Verwandten – Internet und Telefonverbindungen wurden blockiert. Was das für beide Seiten, für die Menschen dort und ihre Freunde, Bekannte und Familien, die im Ausland leben, bedeutet, machte sie eindrucksvoll und auf sehr lebendige und einfühlsame Art klar. Vor dem interaktiven Teil skizzierte sie zunächst rückblickend die Entwicklung und die Ereignisse in der islamischen Republik Iran mit seinem menschenverachtenden und brutalen Regime. „Der Krieg hat uns nicht überrascht” – mit dieser Feststellung ging sie gedanklich zurück in das Jahr 2017, wo erstmals in der Protestbewegung auch die Arbeiterschaft Parolen rief. Dies war ein klares Zeichen des Aufbegehrens, denn die Arbeiter galten als soziale Basis des Herrschaftsregimes. Als konservativ und damit Regimetreu galten auch die Basarhändler und die Niederlegung ihrer Arbeit war mit Blick auf 2022 ein sozio-kultureller Protestes, wie sie es formulierte, der das ganze Land überzog, worauf der Alleinherrscher, Ajatollah Ali Chamenei und seine Schergen mit Massaker und Hinrichtungen antworteten. So spitzte sich über die letzten Monate und Wochen die Lage im Land immer mehr zu. Die Proteste hätte längst alle Bevölkerungsgruppen und sozialen Schichten erfasst. Die Folge der Versuche, diese niederzuschlagen sind zehntausende von Toten, wobei die Aktivistin erklärte, dass sich diese Zahlen aufgrund der verhängten Nachrichtensperren und Blockaden der Medien, nicht genau verifizieren ließen, aber mit Sicherheit weitaus höher liegen dürften. Daniela Sepehri sprach davon, dass die Menschen im Iran schwerst traumatisiert seien, aber sie unterstrich, dass nur die Proteste niedergeschlagen wurden, nicht aber die Protestbewegung. Im Bewusstsein von Kontrollverlust und Untergang, wollte das Terrorregime noch möglichst viele Menschen in den Tot reisen, so ihr Empfinden. Dafür spreche auch die Terminologie der Gewaltherrscher, die erstmals die Protestanten als Terroristen bezeichneten. Dies habe eine neue Eskalationsstufe eingeläutet. Das Fordern von Freiheit, Würde und Menschenrechte bezahlten Tausenden, meist junge Menschen, mit ihrem Leben. Am schlimmsten sei die Situation für die politischen Gefangenen. Bei der Bewertung, vor allem der aktuellen Bewegung, ihrer Ursachen und Bedeutung kam Daniela Sapehri auch auf den kürzlich stattgefundenen 40. Jahrestag der Totes im Iran., bei dem man alljährlich der verstorbenen Angehörigen gedenkt, zu sprechen. Die Menschen bewegten sich diesmal aber singend, klatschend und tanzend durch die Straßen. Dies sei als ein weiteres deutliches Zeichen des Bruchs mit den Gewaltherrschern zu werten. Den Krieg hätten viele herbeigesehnt, in der Hoffnung, nach 47 Jahren die Machthaber endlich zu stürzen. Doch niemand könne sagen, wie es weitergeht. Das schlimmste Szenario, was sie sich vorstellen könne, sei ein Ende des Krieges, ohne dass das Herrschersystem gestürzt wurde. Während die Ziele Israels in diesem Krieg, nämlich die Destabilisierung des Regimes, klar seien, sei die große Unbekannte in Sachen Verlässlichkeit, Trump. Europa, allen voran die Bundesregierung, spiele mit Blick auf die Situation weder Innen- noch Außenpolitisch eine Rolle. Aus ihrer Sicht, so das klare Urteil von Daniela Sepehri, verschwinde in diesem undurchschaubaren Beziehungsgeflecht die BRD in der Bedeutungslosigkeit, was Einwirkungsmöglichkeiten beträfe. In der Diskussion gab es viele Fragen an die Aktivistin, etwa, wie der neue Mann auf der Oppositionsbühne, Mohammad Reza Pahlavi, einzuschätzen sei. Ob alleine das Erbe als Sohn des ehemaligen Schahs ausreicht, ihm eine Führungsrolle zuzutrauen, würden die Menschen unterschiedlich sehen, auch mangels eines erkennbaren politischen Profils. Beleuchtet wurden Fragen eines möglichen Flüchtlingsproblem, der Rolle und Reaktionen der Iran-Anrainerstaaten und nach einem möglichen bewaffneten Widerstand. Interessant zu beobachten ist auch die Rolle der Kurden, die zunehmend mit ins Spiel gebracht werden. In einer kaum durchschaubaren Machtstruktur des Iran, mit Revolutionsgarden, Militär und anderen regimetreuen Institutionen, die teilweise Staat im Staat sind, waren klare Antworten schwierig. Daniela Sepehri, berichtete von einer durch zivile Organisationen aufgestellten Charta der Mindestanforderungen, wonach durchaus Vorstellungen existieren, wie es nach einem Machtwechsel weitergehen könnte, denn es gäbe durchaus Gruppen, denen man eine Führungsrolle im Sinne von Freiheit und Demokratie zutrauen würde. Ob die Tatsache, dass nach ihrer Einschätzung nur noch sehr wenige Menschen als regimetreu gelten, eine Wende herbeiführen kann, ist derzeit nicht zu beantworten. Von der Einladung, durch den interaktiven Vortrag ins Gespräch zu kommen, Hinzuschauen, Mitzudenken und Nachzufragen, wurde reichliche Gebrauch gemacht. Edwin Borg von „Luft nach oben” und Annette Krumpholz von der Erwachsenenbildung hatten eingangs, als Vertreter der Veranstalter, betont, wie wichtig es sei, in Zeiten weltweit zunehmender, autoritärer Tendenzen, den Fokus auf die Frage zu richten, was Freiheit bedeute und wie konkret man den Menschen im Iran helfen könne.

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