“Kein Land für niemand” – Film mit Filmbesprechung in der Projektkirche St. Raphael Wißmar

Lara Gruber (links) und Jana Freudenberger am Lampedusa-Kreuz

(Foto: Volker Mattern)

(vm).“Luft nach oben” ist immer – das zeigte auch die jüngste Veranstaltung dieses Projektes, bei dem sich die katholische Kirche St. Raphael in Wißmar, der Kunst, Kultur und dem Debattieren öffnet. Das große Kreuz grüßt stets als Symbol der Hoffnung und des christlichen Glaubens die Besucher vom Altarraum aus und fast unscheinbar links darunter war diesmal ein Kreuz zu sehen, dass keine Hoffnung symbolisierte, sondern vielmehr ein Mahnmal darstellte. Das schlichte Lampedusa-Kreuz des Tischlers, Francesco Tuccio, ist aus Wrackteilen gekenterter Flüchtlingsboote, die an der italienischen Insel Lampedusa anlandeten, zusammengefügt. Es erinnert an die im Mittelmeer auf ihrer Flucht ertrunkenen Menschen und damit an eine gescheiterte Flüchtlingspolitik. Gemeinsam mit der Initiative „Wettenberg bleibt bunt” hatte die Kulturkirche St. Raphael zu einem bewegenden Dokumentarfilm mit anschließendem Filmgespräch eingeladen. „Kein Land für niemand” lässt keinen, den dass Flüchtlingsthema mit all seinen Facetten und Tragödien berührt, unberührt. Eine humanitäre Katastrophe, die in der medialen Wirklichkeit kaum noch eine Rolle spielt. Flucht und Vertreibung sind deswegen aber nicht verschwunden. Sie finden statt und umso beschämender in diesem Kontext das Verhalten angeblich verantwortungsbewusster Politiker der EU-Länder, allen voran Deutschlands, die stolz auf die Ergebnisse ihre restriktive Flüchtlingspolitik sind und sich gegenseitig auf die Schulter klopfen, so vorweggenommen, die Reaktion der etwa 80 Gäste. Europa zieht die Mauern hoch – mitten in einer humanitären Katastrophe. Der Dokumentarfilm „Kein Land für Niemand – Abschottung eines Einwanderungslandes” beleuchtet die drastischen Folgen dieser europäischen Abschottungspolitik und besonders die Rolle Deutschlands in diesem Paradigmenwechsel. Der knapp 120 minütige Dokumentarfilm erschien im Juni vergangenen Jahres. Begleitet wird eine Rettungsmission im Mittelmeer und gezeigt werden die katastrophalen Zustände in Lagern für Geflüchtete die den lebensgefährlichen Weg nach Europa überlebt haben. Gleichzeitig blickt der Film auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland: Ein erstarkender Rechtspopulismus prägt den Diskurs. Flucht und Migration werden zunehmend kriminalisiert, und humanitäre Hilfe gerät unter Druck. Der Film, der auch Rechtsbrüche wie Push backs dokumentiert, wirkt wie ein Brennglas, in welchen sich das Thema mit all seinen Ereignissen, Aspekten und Facetten kompensiert. Diese Verdichtung führte auch in der katholischen Kirche in Wißmar zu den unterschiedlichsten Gefühlen und Reaktionen, geprägt nicht nur durch die Bilder, sondern auch durch exklusive Interviews mit Wissenschaftlern, politischenEntscheidungsträgern und Aktivisten, bei denen die aktuellen Narrative über Flucht und Migration ebenso beleuchtet werden, wie die Mechanismen, mit denen Angst und Populismus die politische Agenda bestimmen. Der Film gibt aber auch jenen Menschen eine Stimme, die ansonsten ungehört bleiben. Eine solche Stimme haben auch Lara Gruber und Jana Freudenberger auf besonders beeindruckende und beispielgebende Weise vielen dieser Menschen gegeben. Lara Gruber ist inzwischen Lehrerin an einer weiterführenden Schule und bringt ihre Erfahrungen in der Bildungsarbeit ein. Sie stammt aus Krofdorf-Gleiberg. Bereits 2017 absolvierte sie noch als Schülerin einen längeren Auslandsaufenthalt in Kolumbien, lernte dort Armut und Hilfsbedürftigkeit kennen, unterstütze Familien, vor allem kranke Kinder und organisierte mit großem Erfolg Spendenaufrufe. 2020 organisierte sie einen Hilfstransport von Krofdorf-Gleiberg nach Lesbos, gemeinsam mit ihrer Schwester Lucie und Freunden und begleitete diesen bis in das dortige Lager, wo sie das Elend der Flüchtlinge hautnah kennenlernte und den Menschen half. „Lesbos 2.0″ nannte sie ihre Hilfsaktion, ein Jahr später. Jana Freudenberg aus Frankfurt ist Bildungsreferentin, hat ausgewiesene Erfahrung in Migrationspolitik, Flucht und Asyl. Beide kennen die Situation der Lager auf Lesbos und Lampedusa aus eigener Anschauung. Lara Gruber, die den Film schon mehrmals gesehen hat, sprach vom Aufzeigen von Strukturen und wie sie zusammenhängen. Jana Freudenberger bilanziert, so wie es ist, ist es die Folge falscher politischer Entscheidung, obwohl es Ideen gebe, wie es besser sein könnte. Beide berichten, dass eine Hilfe wie vor einigen Jahren noch, nicht mehr möglich ist. Versuche unterstützender Hilfeleistungen werde als Beihilfe zur illegalen Migration eingestuft. Die Lager würden streng verwaltet und gewährten keinen Durchlass mehr. Das System baue auf starke Einschränkung der Rechte der Flüchtlinge und der Effizienzgedanke der Lagerverwaltung und Flüchtlingspolitik basiere auf der Strategie bewusster Abschreckung. Die Zäune auf Lesbos, so Lara Gruber, würden immer höher und für zivilgesellschaftlichen Hilfsorganisationen gebe es keine Möglichkeiten mehr. Die Fragen der Gäste nach dem Wie und Was man hier vor Ort tun könne, klang oft nach Hilflosigkeit und Resignation. Alle Möglichkeiten, die ein demokratisches und freies Land ermöglicht, müssten ausgeschöpft werden. Die Stimme erheben und nicht resignieren, Netzwerke aufbauen, Kontakte suchen sich nicht desillusionieren lassen, so Jana Freudenberger. Jede noch so kleine Hilfe, jedes dankbare Lächeln ist Geschenk und Antrieb, weiterzumachen, so die ermutigenden Erfahrung von Lara Gruber während ihrer Camp-Aufenthalten. Getreu dem Motto, „wo ein Wille ist…” machten die beiden Frauen am Beispiel Lesbos deutlich, was geht. Dort haben nämlich Hilfsorganisationen in unmittelbarer Nachbarschaft der Lager Land angemietet. Es entstand „Paraea”, was übersetzt aus dem altgriechischen „Miteinander” bedeutet. In dieser dorfähnlichen Struktur gibt es Ärzte, eine Schule, ein Café, eine Reparaturwerkstatt für Fahrräder, eine Wäscherei und eine Bibliothek an. Paraea sei ein Zeichen erfolgreichen Kampfes gegen die Abschottung, Isolation und die schikanöse Flüchtlingspolitik und ein Leuchtfeuer der Hoffnung, so die beiden Frauen. Auch der Film sollte als Weckruf verstanden werden, so die beiden Moderatoren, Edwin Borg (Aktion „Luft nach oben”) und Lorenz Schirmer (Initiative „Wettenberg bleibt bunt). In seinem Grußwort eingangs hatte der Kirchenvertreter einen religiösen Gedanken zum Thema „Migration” beleuchtet: Die jüdisch-christliche Bibel schildere den Menschen von Anbeginn als einen auf der Flucht, auf Wanderschaft und auf der Suche nach fruchtbarem Land und Heimat. Für das Projekt „Paraea” ging ein Spendenkorb rund. Die Kollekte ergab 665 €. Der gesamte Community Center „Parea” steht unter Europe Cares.

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