
Rita Kotschenreuther sprach zum Thema „Nachhaltigkeit”.
(Foto: TÜV Hessen)
(vm).Es kommt gut an, sich, wo immer es passt, mit dem Attribut „Nachhaltigkeit” zu schmücken. Doch wie viel Glaubwürdigkeit steckt tatsächlich dahinter, wenn beispielsweise die Autoindustrie behauptet, dass ein Auto nachhaltig produziert werde, oder ein Reiseunternehmen nachhaltige Reisen anbietet, oder die Gesetzgebung den Nachhaltigkeitsfaktor bei der Rentenreform preist. Vieles sind Floskeln, sagte Rita Kotschenreuther, der Begriff wird inflationär benutzt. Auf Einladung des Freundeskreises Holz- und Technikmuseum Wettenberg hielt die Försterin, langjährige Revierleiterin und zertifizierte Waldpädagogin einen Vortrag zum Thema „Zukunftsfähiges Leben – Nachhaltigkeit als Überlebensprinzip”. So richtig hinterm Ofen hervorlocken kann man mit diesem Thema offensichtlich kaum jemanden und aus ihrer Erfahrung hatte sie schon vermutet, dass sie im Schulungsraum des HTM (Holz- und Technikmuseums) nicht all zu viele Stühle stellen muss. Vorsichtig optimistisch waren es 15, aber doch nur sechs Interessierte kamen. Das sollte der Veranstaltungen nicht abträglich sein. Familiär ging es zu und die Referentin war keineswegs enttäuscht. So konnte der Vortrag durch die Nähe zueinander besondere Lebendigkeit im Dialog entwickeln. Den Termin bewusst gewählt, denn der 23. September war der „Tag der Nachhaltigkeit” in Hessen. Welche Voraussetzungen bedarf es um nachfolgenden Generationen einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen? Welche Konsequenzen sind heute aus der Vergangenheit für die Zukunft abzuleiten? Im Vordergrund standen solche und ähnliche Fragen. Kaum ein anderes Beispiel ist besser geeignet wie der Wald, um anhand der Ressource „Holz” deutlich zu machen, wie diese von den Menschen früher genutzt wurde und was man aktuell daraus für ein nachhaltiges Lebens lernen kann. Der Blick durch das Fenster in die Vergangenheit zeigte eindrucksvoll, was Wald und Holz für die Menschen bedeutete und in welcher Wechselbeziehung sie standen und immer noch stehen. Auf einer der ersten der Folien ihres Vortrags, zeigte Rita Kotschenreuther eine Grafik, die den Dünsberg zur Zeit der Kelten nur als kahlen Hügel kennzeichnete. Die Römer betrieben eine intensive Holznutzung für den Bau ihrer Städte, für den Hausbrand und den luxuriösen Betrieb ihrer Bäder. Auf der Zeitschiene wurde in den Jahren 500 bis 800 nach Christus das bewaldete Land gerodet um es landwirtschaftlich zu nutzen. Fortwährend wurde für alle Bereiche des privaten und handwerklichen Lebens Holz benötigt, sodass der Wald letztlich völlig verkahlt und ausgeräumt war. Bei einem Sprung in das 17. Jahrhunderte vermittelte Rita Kotschenreuther, dass durch die Dezimierung der Menschen aufgrund des 30jährigen Krieges der Wald eine Erholungsphase erfuhr, da weniger Menschen ihm Schaden zufügen konnten. Im 18. Jahrhundert lag dann der Holzbedarf im Vergleich zu heute um das Zehnfache höher. Kriege förderten den Raubbau und der Mensch nutzte den Wald zur Versorgung. Als „öde Plätze und Buschholz” hätten die Förster im 18. Jahrhundert den Zustand der Wälder beschrieben, sagte sie. Der Waldpädagogin ging es aber nicht darum, die Menschen aus der früheren Zeit zu kritisieren und deren Verhalten zu verurteilen. „Alles hatte zu seiner Zeit seine überlebenswichtige Berechtigung”, so Rita Kotschenreuther. Der Begriff „Nachhaltige Waldnutzung” wurde erstmals durch den sächsischen Oberberghauptmann, Hannß Carl v. Carlowitz 1713 geprägt und seine Bedeutung für die Nachkommenschaft unterstrichen durch den fürstlich-solmsischen Forstmeister und späteren Oberlandesforstmeister, Georg Ludwig Hartig 1791. Wegweisende Gedanken seien dies gewesen, denn es wurde festgelegt: Es darf nur so viel Holz entnommen werden, wie gleichzeitig wieder nachwächst. Dies geschah insbesondere im Hinblick auf die künftigen Generationen. Mit einem Blick auf die katastrophalen Bedingungen im Gießener Stadtwald 1824 fand im Vortrag der Sprung in die Zeit des Neubeginns statt. Es gab die Hessische Forstlehranstalt in Gießen, wo weitergehende und konkretere Vorgaben zur Waldbewirtschaftung und Anbauversuche entwickelt wurden.

Schonendes Holzrücken in früheren Jahren.
(Foto: Volker Mattern)
Die Gewährleistung der Nachhaltigkeit bei der Nutzung geschieht durch eine Art Inventur alle 10 Jahre, so die Waldpädagogin. Reparationsleistungen an die Alliierten in Form von Holz führten nach dem 2. Weltkrieg zu großflächigen Rodungen. Das berühmte Bild der Pflanzfrau auf der 50-Pfennig-Münze symbolisiert die großartigen Aufbauleistungen, um für die Zukunft wieder Wald entstehen zu lassen, auch wenn dies zunächst oftmals zahlreiche Fichten waren. Diese wuchsen schnell und waren das Bauholz für viele Generationen nach dem Krieg. Immer wieder zog Rita Kotschenreuther auch die Parallelen zur Thematik der Klimaveränderungen und den Folgen für den Wald. Das Absterben, nicht nur der Fichten, infolge der klimatischen Veränderungen, führte aus ökologischer und ökonomischer Sicht zwangsläufig zu einem Umdenken. Der „enkelfähige” Umbau des Waldes wird ein Prozess aus Versuch und Irrtum, ist sich Rita Kotschenreuther sicher. Die Nutzung von Ressourcen, egal welcher Art, darf nur im Rahmen der Regenerationsfähigkeit erfolgen, denn sonst stehen künftige Generationen ohne dies da, mahnte sie. Der ökologische Aspekt muss die Basis bilden, denn es geht um unsere Lebensgrundlage, machte die Försterin deutlich. Wir alle müssen uns ändern, so ihre Forderung und das Thema „Nachhaltigkeit” brauche schon in der Schule einen höheren Stellenwert und sollte in allen Fächern verankert sein. Jede Ressourcennutzung sollte kritisch hinterfragt werden hinsichtlich des Materials, der Menge und Dauer sowie mit einer Abwägung der Folgen bei der Herstellung, dem Transport und der Entsorgung. „Wir alle haben eine Verpflichtung für Generationen”, so die Referentin. Es gelte, Heute für morgen denken und handeln – für alle, für immer, weltweit.

Nur so viel entnehmen, wie gleichzeitig nachwächst.
(Foto: Volker Mattern)


