Die erste „Bücherseite” des noch jungen Jahres fokussiert das fulminante Leben einer bemerkenswerten Frau aus Wetzlar, deren facettenreiches Wirken wohl nurmehr den älteren Zeitgenossen halbwegs bekannt ist. Damit ihr Tun nicht in Vergessenheit gerät, gibt es gottlob einige vorzügliche Bücher und – immer noch ganz aktuell – eine großartige Ausstellung. Die Rede ist von der 1903 geborenen Elsie Kühn-Leitz, einer namhaften Industriellentochter, Widerstandskämpferin und Mäzenin, einer visionären, vor allem der deutsch-französischen Aussöhnung verpflichteten Europäerin, einer empathischen Afrikareisenden und nimmermüden, heimlichen Diplomatin sowie Bundesverdienstkreuzträgerin.

In der Ausstellung ist das ehemalige Büro von Elsie Kühn-Leitz quasi nachgebaut. (Foto: no)

Zunächst sei der Besuch der klug und zugeneigt kuratierten Sonderausstellung „Elsie Kühn-Leitz – eine Frau, ein Jahrhundert” ans Herz gelegt, weil diese nämlich nur noch bis zum 12. April 2026 im Stadtmuseum Wetzlar zu sehen ist (Lottestraße 8-10, Nähe Domplatz; tgl. außer Mo. 11.00-16.00 Uhr).

Die von der Stadt Wetzlar und der Ernst-Leitz-Stiftung verantwortete Ausstellung ist – 40 Jahre nach dem Tod der Ehrenbürgerin von Wetzlar und Avignon – nicht allein eine fundierte Würdigung eines Lebenswerkes. Man wolle darüber hinaus, so sagen die Initiatoren, „einen besonderen, vor allem auch weiblichen Blick auf das 20. Jahrhundert werfen”. Ausgangs- und lebenslanger Referenzpunkt ist Elsies Herkunft, ist die Leitz-Dynastie in Wetzlar („Leica”).

Aufgrund ihrer Herkunft hatte Kühn-Leitz alle Möglichkeiten, sich in ein turbulentes Jahrhundert mit all seinen Möglichkeiten zu „schmeißen”. Sie war das einzige Mädchen des Unternehmers Ernst Leitz II, war eine der ersten Jurastudentinnen Deutschlands, war eine der Frauen, die im Widerstand gegen das Nazi-Regime gekämpft haben, war Motor und Wegbereiterin der deutsch-französischen Freundschaft, war enge Freundin von Friedensnobelpreisträger und „Urwalddoktor” Albert Schweitzer sowie von Bundeskanzler Konrad Adenauer, war ausführlich dokumentierende Afrikareisende, war  heimliche Diplomatin – was unter anderem zum Besuch von Patrice Lumumba in Wetzlar führte -, und sie war sie eine talentierte „Leica”-Fotografin.

Die Ausstellung zeigt es deutlich: Als Frau war sie meist die „Ausnahme” und fast überall „allein unter Männern”, wenn sie danach trachtete, die Geschicke ihrer Welt und ihrer Zeit mitzugestalten. „Die Position, den Platz hierfür, wurde ihr als Frau ihrer Zeit nicht gegeben – aber sie hat ihn sich genommen”, heißt es in einer Veranstaltermitteilung. Und immer habe sie „Mut, Haltung und eine unkonventionelle Menschlichkeit” an den Tag gelegt.

Einziges Manko: Es ist eine Sonderausstellung. Eigentlich gehörte dieser aus diversen Archiven und dem Nachlass zusammengestellten Schau ein dauerhafter Platz in Wetzlar. Gelungen sind dazu der 52-seitige, reich bebilderte Katalog und das öffentliche Rahmenprogramm mit Vorträgen, öffentlichen Führungen und Gesprächsrunden.

Plakat zur aktuellen Wetzlarer Ausstellung; Umschlagabbildung von Sasha Colbys autofiktionalem Roman “Irina”; Elsie Kühn-Leitz und Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer 1959 im Wetzlarer Dom.
(Abbildungen/Scans: no – (c) Foto 3 = Ernst Leitz Stiftung)

Buchtipp 1 – Am Freitag, 6. März, findet von 18.00 Uhr an in der legendären Leitz-Villa „Haus Friedwart” in Wetzlar eine Lesung aus Sasha Colbys Roman „Irina” statt. Der 2025 im Stuttgarter Verlag Urachhaus erschienene Roman erzählt, so der Untertitel, „die Geschichte einer Zwangsarbeiterin und die Courage der Familie Leitz in Wetzlar”. Die junge kanadische Autorin reflektiert das Leben ihrer Großmutter. Gelungen ist ihr, wie das in Vancouver erscheinende „Portal Magazine” schrieb, „ein anschauliches, unerschrockenes und intimes Dokument über den Mut und die Widerstandskraft zweier Frauen, die über die (…) Schrecken des Zweiten Weltkrieges triumphiert haben”. Wer die beiden Frauen wohl waren ..? (Hardcover, 339 S., 26 Euro.)

Buchtipp 2 – „Das Licht im Rücken“, diesen fesselnd geschriebenen Roman über die Familie hinter der revolutionären, in den 1920ern zur Serienreife entwickelten Leica-Kamera, hatten wir bereits im Februar 2024 auf der „Bücherseite” der Amtsblätter des Gleiberger Landes ausführlich vorgestellt. Autorin Sandra Lübkes war unlängst zu einer Lesung in Biebertal zu Gast – und sie kommt wieder in unsere Gegend, beteiligt sich am 20. März im Neuen Rathaus Wetzlar (Sitzungssaal) an einer öffentlichen Paneldiskussion zum Thema „Was bleibt? Neues Interesse an Elsie Kühn-Leitz”.

Buchtipp 3 – „Elsie Kuhn-Leitz, Mut zur Menschlichkeit“, quasi eine erste Biografie, erschien 1994 und leider nicht mehr im Handel erhältlich. Das Buch kann allerdings in der Ausstellung eingesehen werden – und vielleicht findet es sich in einer gut sortierten öffentlichen Bibliothek.

No. Schmidt

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